Karl, der freundliche Schmetterling: Botschafter des Erfolgs
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Kalaudia alias Claudia Sassen alias Kalaudia alias...

KALAUDIA interviewt KALAUDIA

KALAUDIA: Kalaudia, sind wir per se per Sie oder partout per Du?

KALAUDIA: Machen wirs doch ganz unkompliziert und bleiben gleich beim „Sie“. Wenn man zu früh auf das „Du“ umsattelt, ist das wie sich zwischenmenschlich einen Waschgang sparen.

KALAUDIA: Sie sind Wahlduisburgerin. Was war das bislang Komischste, was Sie hier erlebt haben?

KALAUDIA: Ich erinnere mich an etwas, da war ich hier gerade eingebürgert worden. Ich war die Stadt kennenlernen und hatte mich am Fuße des Thyssen-Krupp Elektrizitätswerkes in Ruhrort niedergelassen, um nach der Natur zu zeichnen. Plötzlich erschien mir ein Nichtsesshafter. Er sagte, ich müsse mich nicht schämen, weil ich kein Dach überm Kopf hätte. Das sei kein Verbrechen und schon gar keine Schande. Ich versuchte, die Sache richtigzustellen, während er mich zur Nikolausburg bringen wollte: „Mädchen, da kriegst Du was zu essen und zu trinken und kannst duschen.“ Ich lehnte ab. Bevor er ging, wollte er mir noch Geld geben, aber ich hatte auch meinen Stolz.

KALAUDIA: Darf ich Ihnen eine ganz persönliche Frage stellen?

KALAUDIA: Bitte.

KALAUDIA: Wie sahen Sie an dem Tag aus?

KALAUDIA: Jeans und T-Shirt und eine große blaue Schleife im hochgesteckten Haupthaar. Vielleicht kam ich zu retro auf Achtziger rüber. Das lässt Menschen schon mal sehr fürsorglich werden.

KALAUDIA: Hat Sie diese Begegnung dazu inspiriert, sich vor Mülltonnen fotografieren zu lassen?

Kalaudia alias Claudia Sassen alias Kalaudia alias... KALAUDIA: Weniger. Wir waren lediglich im Garten meiner leiblichen Patentante und vor den Tonnen war das Licht besonders gut. Ich brauchte unbedingt ein Autorenfoto für meinen Kalauer-Kalender. Thematisch habe ich das Ganze dann nachjustiert.

KALAUDIA: Inwiefern?

KALAUDIA: Das Foto hat ziemliche Kontroversen ausgelöst. Einige Leute waren richtig pikiert deswegen. Andere meinten, sieht prima aus, aber mach noch mal – ohne Mülltonnen. Ein VHS-Fachbereichsleiter schließlich hielt das Bild für chaplin-esk. Wow, dache ich mir, der hat Ahnung und seitdem wird das Foto von mir als Hommage an den US-amerikanischen Slapstick eingetütet.

Wir haben hier übrigens noch ein anderes Bild von mir. Wie ich unter Wasser Getränke serviere.

KALAUDIA: Wie konnte das passieren?

KALAUDIA: Thyssen-Krupp hatte an dem Tag wieder ausgiebig Emissionshandel gefeiert. Da ging nur noch untertauchen. Ohne vorher Luft zu holen, versteht sich.

KALAUDIA: Apropos, wie kommen Sie zu dem Namen „Kalaudia“?

KALAUDIA: Ich hatte im Kindesalter einen Sparachfehler, der sich auch in meinem Rufnamen manifestierte.

KALAUDIA: Offensichtlich sind Sie den wieder losgeworden.

KALAUDIA: Meine Mutter und ich sind zum Logopäden. Der lehnte eine Therapie ab, griff aber in den Schrank, der von Pharmavertretern betreut wurde und händigte meiner Mutter eine XXL-Packung Buchstabennudeln mit vermindertem A-Anteil aus. Vier Wochen, dann sei es besser.

KALAUDIA: Und?

KALAUDIA: Der Legende nach bin ich schon nach drei Tagen zur türkischen Frittenschmiede unten an der Weberei und habe gefragt, was wohl weniger Klorien hätte, die Flafel oder das Kramelleis. Daraufhin musste ich mit den Buchstabennudeln eingestellt werden, wie wenn es jemand an der Schildkröte hat.

KALAUDIA: Und wie kam es zu den Kalauern?

KALAUDIA: Ungefähr zur selben Zeit bin ich in die Abwässer einer Kalauerfabrik geraten. Davon habe ich mich nie wieder so richtig erholt.

KALAUDIA: Es gab ja ohnehin sehr viel Industrie in Ihrer Heimat Gütersloh-Isselhorst...

KALAUDIA: ...erschwerend kam hinzu, dass ich durch den Beruf meines Vaters im Gärungsgewerbe aufgewachsen bin.

KALAUDIA: In einer Bierbrauerei?

KALAUDIA: Schlimmer noch: In einer Schnapsbrennerei. Mit der Alkoholproduktion waren wir deutschlandweit an dritter Stelle, direkt nach Dornkaat und Schwarze.

KALAUDIA: Hat das bleibende Schäden hinterlassen?

KALAUDIA: Ich denke schon. In dem offiziell stillgelegten Trakt, in dem sich meine Eltern mit uns Kindern eingenistet hatten, hat man nach der Destillation immer das Fuselöl durch die Badewanne geleitet. Was glauben Sie, was das stinkt! Den ohnehin spärlichen Besuchern fiel gelegentlich die Nase ab.

KALAUDIA: Tatsächlich?

KALAUDIA: Unser Haus war nur was für Profis. Die Bakelitsteckdosen wurden seit der Jahrhundertwende stramm mit 65 Volt gespeist. Wenn man ein Tischfeuerwerk wollte, brauchte man nur eine zeitgenössische Elektrozahnbürste anzuschließen.

KALAUDIA: Also romantisch verklärtes Erlebniswohnen?

KALAUDIA: Dafür zahlen Menschen heute sehr viel Geld.

KALAUDIA: Bei so viel Hochprozentigem um Sie herum: Wie steht es mit Ihrem persönlichen Alkoholkonsum?

KALAUDIA: Davon ist nichts geblieben. Wie beim Konditor, der keine Pralinen mehr sehen kann. Wobei, mit Pralinen können Sie mich locken. Ich esse jeden Mann unter den Tisch. (Holt eine größtenteils ausgewertete Pralinenkiste hervor und hält sie Kalaudia hin. Deutet auf eine leere Stelle.) Hier, die waren gut. Aber nehmen Sie nur!

KALAUDIA (kauend): Was steht heute noch auf dem Programm?

KALAUDIA: Einen Brief schreiben, der gleich noch weg soll.

KALAUDIA: Um was geht es?

KALAUDIA: Eine Beschwerde bei der Störungsstelle. Wir haben einfach zu viel Regen auf zu wenig Tage verteilt. Aber ich muss jetzt wirklich gehen. Die Flaschenpost macht gleich zu.